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KONZERT
01. JUNI 2017 20 Uhr
TUBES AND WIRES – Niels Klein

Niels Klein Clarinets, effects
Lars Duppler Rhodes, Analog Synthesizers, Harmonium
Hanno Busch Guitars, Bass
Jonas Burgwinkel Drums




Niels Kleins neues Quartett ist nicht alltäglich besetzt: Mit Lars Duppler am E-Piano, Synthesizer und Harmonium, Hanno Busch an Gitarre und Bass, Jonas Burgwinkel am Schlagzeug und dem Bandleader an diversen Klarinetten präsentiert Klein eine druckvolle Rockmusik, die aber mit der instrumentaltechnischen Haltung von Jazzmusikern gespielt wird. Augenzwinkernd hat der 1978 in Hamburg geborene Saxofonist, Klarinettist und Komponist seine Band ebenso wie die neue CD „Tubes & Wires“ genannt: „Tubes“ sind die diversen Klarinetten, die Klein bläst, „Wires“ die vielen elektronischen, analogen und digitalen Hilfsmittel, die er mit Kabeln untereinander verbunden hat und mit seinen „Effektklarinetten“ ansteuert.
Bis es zur endgültigen Besetzung von „Tubes & Wires“ kam, brauchte es seine Zeit. Am Anfang stand für Klein die Überlegung, ein Projekt auf den Weg zu bringen, in dem er ausschließlich auf der Klarinette zu hören ist. Zur gleichen Zeit begann er, die Klangfarbe der Klarinette mit Effektgeräten zu verfremden und mit einem digitalen Looper Mehrstimmigkeit zu erzeugen. Weil er aber nicht darauf aus war, ein Soloprogramm für Klarinette zu erarbeiten, sondern die neu entdeckte Klangvielfalt seines Instruments in ein Bandkonzept einzubinden, machte er sich auf die Suche nach einer passenden Besetzung. Und nach einigem Probieren mit verschiedenen Instrumentierungen und Musikern kristallisierte sich schließlich das Quartett „Tubes & Wires“ heraus: mit Duppler, Busch, Burgwinkel und ihm selbst.
Kleins „Tubes & Wires“-Quartett klingt tatsächlich so, als hätte er zusammen mit seinen Band-Mates Joe Zawinuls Diktum für dessen Gruppe Weather Report aus den 1970ern, „we always solo, we never solo“, in die Jetztzeit junger Improvisatoren aus Europa übertragen. „Ich trete aus der Position des Solisten zurück und agiere mit meinen ,Effektklarinetten‘ eher wie eine elektronische ,Blas-Orgel‘“, erläuert er, „meine Mitmusiker bedienen ein flexibles Instrumentarium aus Gitarren, Bässen, Tasten- und Schlaginstrumenten, sodass ein merkwürdig analog-elektrischer Sound entsteht.“
Rewind. Um Niels Kleins kreativen Kosmos von Heute zu begreifen, muss man einen Blick auf seinen bisher gegangenen Weg als Improvisationsmusiker werfen. An der Jazzabteilung der Hochschule für Musik und Tanz in Köln studierte er nicht nur Jazzsaxofon, sondern auch Jazzkomposition und Klarinette. Nach dem Ende des Studiums folgten Arrangement- und Kompositionsaufträge unter anderem für das European Jazz Orchestra, für die NDR und die WDR Big Band ebenso wie die Veröffentlichung eigener CDs („The Last Soup“ mit einem Tentett 2006 zum Beispiel) –und er konnte bereits einige renommierte Auszeichnungen und Preise in Empfang nehmen; wie beispielsweise den „NRW Förderpreis für junge Künster“ 2004, den „Europäischen Komponistenpreis der Stadt Berlin“ 2009 und zuletzt den WDR Jazzpreis in der Sparte „Komposition“ 2011. Zudem teilt er sich seit Sommer 2011 die künstlerische Leitung der Jazznachwuchs-Kaderschmiede Bundesjazzorchester mit dem amerikanischen Posaunisten und Bandleader Jiggs Whigham. Und vor allem: Zusammen mit sechs weiteren Musikern aus Köln hat Klein 2009 das Jazzkollektiv Köln, KLAENG, auf den Weg gebracht.
Nun also „Tubes & Wires“. Für das so eigentümlich diffuse Klangbild gibt es mehrere Gründe. Weil jeder in Kleins neuem Quartett mit ihrem Instrumentarium verschiedene Funktionen übernimmt, ist es für die Musiker ein leichtes, stilistische Grenzen zu überschreiten, die ad hoc entstehende Improvisationsmusik über die Grenzen der Tonalität hinaus auszudehnen und aus den Sound- und Groovepartikeln ein Collagen-artiges, flirrendes Vexierspiel aus Jazz und Rock, Pop, Funk und Clubkultur zu entwerfen. Zudem gibt es in der Regel keine digitalen Derivate zu hören, sondern ein echtes, analoges Instrumentarium. Lars Duppler spielt zum Beispiel „richtige“ Synthesizer. Und weil zufällig bei der Aufnahmesession ein Harmonium im Studio herumstand, hat Duppler dessen „pumpenden“ Sound flugs in die Band integriert, während Hanno Busch seine Gitarren (und seinen Bass) mit einer ganzen Palette an Effektpedalen verbunden hat. Und Jonas Burgwinkel ist sowieso kein Schlagzeuger, der bloß Groove-Patterns abspult. Vielmehr setzt er vom Drumset aus das rhythmische Fundament der Band per se unter Spannung.
Klein ist für „Tubes & Wires“ nicht nur ein klassischer Bandleader, sondern so etwas wie der „Spiritus Rector“. Er sorgt ad hoc dafür, wie die diversen Klangschichten ineinanander und auseinander geschoben, welche Phrasen an welcher Stelle gespielt und welche Facetten seiner Collage wann ins Scheinwerferlicht gerückt werden. Aus dem Stegreif dirigiert er mit seinen „Effektklarinetten“ den Fluss der Ideen: stets mitten im Geschehen und auf Augenhöhe mit seinen Musikern. Und aller musikalischer Tiefgründigkeit zum Trotz besitzen Kleins Stücke Humor und klingen wie der Soundtrack für einen imaginären Comic-Strip. Niels Klein: „Ein Sound, als würde man nachts im Urwald Autoscooter fahren.“

www.niels-klein.com/tubes-and-wires.html